The Mopes – Kritik zum Film bei Tittelbach.tv (2023)

TNT Comedy, 01.06.2021, 20:15 Uhr

Nora Tschirner, Roel Dirven, Ipek Zübert, Christian Zübert. Heiteres Trübsalsalblasen

Tilmann P. Gangloff
Wenn zum Lob und Preis einer TV-Serie diverse Kinofilme genannt werden (das Spektrum reicht von „Brazil“ bis zu „Being John Malkovich“), dürfte es sich um eine außergewöhnliche Produktion handeln, und das ist „The Mopes“ (TNT Comedy / UFA Fiction) in der Tat: So etwas gab es vermutlich noch nie. Nora Tschirner spielt unnachahmlich eine personifizierte mittelschwere Depression, die einen jungen Musiker systematisch um sein Selbstwertgefühl bringt. Und dann – auf einmal – empfindet sie Mitleid für ihr Opfer. Während diese Ebene mit ihrer Mischung aus klamaukigen Slapstickeinlagen und Beziehungsgesprächen noch am ehesten den Dramedy-Konventionen entspricht, hat das Ehepaar Ipek Zübert (Buch) und Christian Zübert (Regie) bei der Gestaltung der Zentrale für psychische Erkrankungen seiner Fantasie freien Lauf gelassen. TNT Comedy zeigt jeden Donnerstag eine neue Folge.

The Mopes – Kritik zum Film bei Tittelbach.tv (1)

Foto: TNT Comedy / UFA

"Du bist wertlos. Du kannst nichts. Deine Songs sind leere Hüllen ohne Bedeutung." Die durch Nora Tschirner wunderbar verkörperte Depression von Sänger Mat (Roel Dirven) macht es sich zwischen ihm und seiner Freundin (Paula Kalenberg) bequem.

Die Szenerie erinnert an Filme über totalitäre Regime wie etwa Michael Radfords George-Orwell-Adaption „1984“ (1984): Die Personen tragen keine Namen, sondern Nummern. Ihre Kleidung ist uniform. Immerhin gibt es eine Möglichkeit, sich von der Masse abzuheben: Wer seine Aufgabe besonders gut löst, erhält ein Abzeichen. Aber wer sind diese Gestalten, die sich emotionslos und geduldig in Reih’ und Glied bewegen? Warum trachten sie mit ihrem ganzen Streben danach, den Menschen das Leben schwer zu machen? Da ist zum Beispiel der Sänger Mat (Roel Dirven), ein sympathischer junger Amerikaner mit holländischen Wurzeln, der sich dank seiner früheren Mitgliedschaft in einer Boyband einer gewissen Prominenz erfreut. Als er zu seiner Freundin (Paula Kalenberg) nach Berlin zieht, geht es für ihn jedoch rapide bergab, denn nun ist das Paar zu dritt: Nacht für Nacht gesellt sich ein ungebetener Gast ins Doppelbett und flüstert Mat ein, er sei wertlos, seine Lieder seien bedeutungslos, und das Zusammenziehen mit Susa sei ein großer Fehler, weil sie nun erkennen werde, was er für ein Versager sei. Als Mat schreiend aufwacht, tröstet Susa sie ihn, es sei doch nur ein Albtraum gewesen, aber der Gast ist immer noch da. Er wird ihm fortan nicht mehr von der Seite weichen und erst dann Ruhe geben, wenn Mats Leben bloß noch ein Scherbenhaufen ist, denn das ist sein Job: F32.1-2011/01 (Nora Tschirner) ist eine mittelschwere Depression.

Psychische Erkrankungen haben kein Gewissen, geschweige denn Gefühle. Und doch hat dessen mittelschwere Depression plötzlich Mitleid mit dem Musiker von der traurigen Gestalt. Vielleicht wird daraus ja sogar mehr... Nora Tschirner, Roel Dirven

Wenn zum Lob und Preis einer TV-Serie diverse Kinofilme genannt werden – das Spektrum reicht von Terry Gilliams Dystopie „Brazil“ (1985) bis zur Komödie „Being John Malkovich“ von Charlie Kaufman (Buch) und Spike Jonze (Regie, 1999) –, dürfte es sich um eine außergewöhnliche Produktion handeln, und das ist „The Mopes“ in der Tat: So etwas gab es vermutlich noch nie. Die Idee, einem Menschen einen unsichtbaren Gefährten zur Seite zu stellen, ist natürlich spätestens seit dem liebenswerten Klassiker „Mein Freund Harvey“ (1950, mit James Stewart) nicht neu, und dass diese nur für die Hauptfigur manifesten Begleiter für allerlei kuriose Situationen sorgen, haben sich ebenfalls bereits viele Komödien zunutze gemacht. Auch in „The Mopes“ (ein „Mope“ ist jemand, der Trübsal bläst) gibt es einige Szenen dieser Art, wenn Mat seine Peinigerin lautstark verflucht und Susa sich angesprochen fühlt, weil außer ihr sonst niemand da ist; oder wenn er mit einer Stehlampe auf F32.1-2011/01 losgeht und auf diese Weise ein Hotelzimmer verwüstet. Ungewöhnlich sind allerdings die durch und durch sinistren Motive des Nachtmahrs: Mats ganz persönliche Nemesis bearbeitet den bemitleidenswerten jungen Mann nach allen Regeln des Mobbings. Dass der sie sehen kann, ist allerdings nicht vorgesehen, und das bleibt nicht die einzige Diskrepanz: Die Depression beginnt, Gefühle für ihr Opfer zu empfinden.

Die TNT-Dramedy "The Mopes" mit Nora Tschirner als personifizierte Depression

Monika, die menschgewordene Erkrankung. Allein wegen dieser Idee wäre es wahrscheinlich sehr unterhaltsam, mal einen Tag im Kopf von Drehbuchautorin Ipek Zübert zu verbringen. Der The Mopes zugrunde liegende Gedanke, psychische Probleme so ernst zu nehmen, dass man sie optisch menschengroß wahrnehmen kann, ist toll im Sinne von: durchgeknallt toll. Nur Dramaturgie und Umsetzung kommen da nicht ganz mit. (...) Unten, in der Zentrale für psychische Erkrankungen, funktioniert die Dramedy-Balance ganz gut: überdrehtes Funktionieren im Kollektiv, seelischer Zusammenbruch als Individuum. (Süddeutsche Zeitung)

Man hätte Tschirner ein Umfeld gewünscht, dass den Mut besitzt, auch mit dem Humor dahin zu zielen, wo es nun mal grimmig wird – anstatt pädagogisch zu problematisieren. Ihr Verdienst ist es, ihre Rolle dennoch stoisch mit subtiler Komik auszustatten. Allein damit wahrt sie nicht nur die Würde der Serie, sondern auch die der Krankheit. (FAZ)

Anstatt sich vollkommen auf dieses skurrile Konzept einzulassen, rücken die Autoren Tschirners Opfer ins erzählerische Zentrum. Der aus dem holländischen GZSZ-Vorbild bekannte Schönling Roel Dirven verkörpert den Musiker zwar sehr ansehnlich, bringt aber eine völlig andere Stimmung in die Serie. Und veranschaulicht so, wie schwierig es ist, die richtige Balance zwischen Slapstick und Seelenpein zu finden. (TV-Spielfilm)

Mindestens so clever wie Ipek Züberts Konzept war die Idee, die weibliche Hauptrolle mit Nora Tschirner zu besetzen, denn auf diese Weise genießt F32.1-2011/01 trotz ihrer düsteren Handlungen von vornherein einen Sympathiebonus. Als sie dann auch noch wankelmütig wird, schwingt sich die sechsteilige Serie auf eine neue Ebene, denn es zeigt sich, dass in der Zentrale für psychische Erkrankungen auch andere aus der Reihe tanzen. Eine entsprechende Selbsthilfegruppe trifft sich regelmäßig heimlich im Backsteingewölbe des Hauptquartiers, um ihre Erfahrungen auszutauschen: Ein Narzissmus (David Bredin), eine Panikstörung (Kathrin Angerer), eine Melancholie (Anna Brüggemann) sowie eine Posttraumatische Belastungsstörung (Matthias Matschke) sind ebenfalls in ihren Grundfesten erschüttert. Außerdem stellen sie sich mit Namen vor. Auch F32.1-2011/01, bereits mit vielen Abzeichen dekoriert, zieht es mittlerweile vor, sich Monika zu nennen; diesen Namen hat Mats aufgeweckte Nichte Elle (Sue Moosbauer) ihr gegeben.

The Mopes – Kritik zum Film bei Tittelbach.tv (3)

Foto: TNT Comedy / UFA

Gewohnt großartig: Nora Tschirner. Sie pendelt die mitunter etwas zu ernsthaft geratenene Dramedy in Richtung Komik und gute Unterhaltung aus. Das Öffentlich-Machen ihrer eigenen Depressionen bescheren dem Film einen zusaätzlichen Subtext.

Es hat dem Ehepaar Ipek (Buch) und Christian Zübert (Regie) garantiert großen Spaß gemacht, die Grundidee auszuschmücken und immer weiterzuspinnen. Gleichzeitig haben sie es geschickt vermieden, die Geschichte zu überfrachten. Die Folgen dauern jeweils nur knapp dreißig Minuten, weshalb die Serie sehr dicht erzählt ist. Die Drehbücher konzentrieren sich zunächst auf die Demontage des Musikers. Diese Ebene entspricht mit ihrer Mischung aus klamaukigen Slapstickeinlagen und Beziehungsgesprächen noch am ehesten den Dramedy-Konventionen: Als Susa ihn vor die Tür setzt, zieht Mat zur großen Schwester (Gina Henkel), deren Lebensgefährtin (Adina Vetter) angesichts der zunehmenden Verwahrlosung des Mitbewohners allerdings immer ungehaltener wird. Zu den witzigsten Momenten gehören ein satirischer Besuch bei einem von Monika genüsslich parodierten Therapeuten (Sebastian Schwarz) sowie eine Sexwette, bei der sie mit miesen Tricks für einen Coitus interruptus sorgt.

Origineller sind dennoch die Szenen in der perfekt organisierten Zentrale, zumal Kostüm- und Szenenbild hier für viele kleine Überraschungen sorgen; die allgegenwärtig eingeblendeten Statistiken und Fallbeschreibungen zum Beispiel lassen sich gar nicht angemessen würdigen. Erkrankungen, die Gefühle für ihre Klienten entwickeln und daher den reibungsloses Ablauf stören, müssen damit rechnen, ins „Schwarze Loch“ zu kommen; ein Schicksal, dass nun auch Monika droht, als sie von einem missgünstigen Kollegen denunziert wird. Dass Nora Tschirner, die sich bei den Gesprächen mit Mat eines grotesken Hollywood-Nazi-Akzents bedient, öffentlich über ihre eigene Depression gesprochen hat, beschert der Handlung einen zusätzlichen Subtext. Als Schauspielerin, die wie nur wenige hierzulande über eine nuancierte Comedy-Mimik verfügt, ist sie ohnehin die perfekte Besetzung für diese Rolle.

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Foto: TNT Comedy / UFA

Die Überdrehtheit zwischen Metapher und Sinnlichkeit. Nicht nur optisch besonders gelungen sind die Ausflüge in die Unterwelt der seelischen Erkrankungen. Dagegen wirken die Gags, in denen die Interaktion zwischen Krankheitsbild und Opfer gestört wird von Dritten, die Nora Tschirners Figur nicht sehen können, ziemlich abgegriffen.

Tilmann P. Gangloff ist seit 1985 freiberuflicher Fernseh- und Filmkritiker für Tageszeitungen und Fachzeitschriften, seit 1990 regelmäßiges Mitglied der Jury für den Grimme-Preis sowie Mitglied diverser anderer Fernsehpreisjurys.

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The Mopes
TNT Comedy / Serie / Dramedy
EA: ab 11.5.2021, 20.15 Uhr (TNT Comedy)
Mit Nora Tschirner, Roel Dirven, Paula Kalenberg, Matthias Matschke, Gina Henkel, Sue Moosbauer, Anton von Lucke, Kathrin Angerer, David Bredin, Anna Brüggemann, Jennifer Ulrich, Ugur Kaya, Adina Vetter, Sebastian Schwarz
Drehbuch: Ipek Zübert
Regie: Christian Zübert
Kamera: Philipp Kirsamer
Szenenbild: Markus Dicklhuber
Kostüm: Sabine Keller
Schnitt: Julia Karg, Ueli Christen
Musik: Alex Komlew
Redaktion: Anke Greifeneder
Produktionsfirma: UFA Fiction, TNT Comedy – Nataly Kudiabor (UFA), Hannes Greyelmann, Anke Greifeneder (TNT Comedy)


Bewertung: 4,5 von 6


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Author: Velia Krajcik

Last Updated: 12/13/2022

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